Mit Slogans ist das so ´ne Sache, aber als ich vor Jahren den besagten an der Bliesbrücke (das Geländer und die Mauer!) las, haute es mich beinahe von der Kiste.
"Lasst die Traditionen sterben!"
Eigentlich ist das Ausrufezeichen überflüssig, vielleicht habe ich es nur aus eigenem Antrieb hinzugefügt. Anyway, ich muss sagen, der Satz hat Klasse. Er ist an Radikalität kaum zu überbieten, was Kultur und kulturelles Leben anbelangt.
Traditionen gehören zur alten Kultur, wohlgemerkt. Was wir uns in den letzten 120 Jahren angeeignet haben, ist keine Kultur in dem Sinne, bloß "Folklore" - Brauchtum. Das ändert sie eh´ alle naslang, sprich, mit jeder Generation, die heranwächst, mindestens zweimal. Nicht weiter wichtig.
Aber Traditionen - gewachsen seit der Megalith-Kultur, (siehe Gollenstein!) kaum verändert, wozu die Konfessionen nicht wenig dazu beitrugen, sie zu erhalten, gilt es, geht man nach dieser "Doktrin" aus, alles über Bord zu werfen, was einem normal Sterblichen unter die Haut gegangen ist, seit er das Licht der Welt erblickte.
Ich weiß genau, was jetzt passieren könnte - als eingefleischter Blieskasteler äußere ich mich nicht zu solch dümmlichen Gehirnfürzen, die Sitten ändern zu wollen, da schweige ich lieber und rufe klammheimlich nach der althergebrachten Ordnungsmacht, damit diese solche Verbalinjurien endgültig verbietet. Bei Strafe im Wiederholungsfall, natürlich, selbstredend.
Aber warum, warum, warum keimt in mir der unheimliche Gedanke, die alten, überkommenen Ungesetzmäßigkeiten einfach mal in den Mülleimer zu denken - nur in Gedanken einmal durchzuspielen. Was fiele mir da ein?!
Ich bräuchte nie mehr "Guten Tag" zu sagen.
Kaffee, Zigaretten und Alkohol bräuchte ich nie mehr zu konsumieren.
Ich könnte immer freundlich zu Nachbarn sein, die wiederum wären genauso freundlich mir gegenüber.
Die Polizei, Bundeswehr, Politiker, der blieskasteler und jeglicher Stadt-, Gemeinde-, Ortsrat wären dauerhaft überflüssig.
Die Zeitungen bräuchten keine Nachrichten mehr zu erfinden.
Die Vulkane bräuchten nicht mehr auszubrechen.
Hochzeiten und Kinderkriegen wären obsolet.
Stadtwölfe wären endlich arbeitslos, denn es gäbe keine Skandälchen mehr aufzudecken oder zu kommentieren.
Und, und, und.
Gibt es Einwände dagegen? Ich höre.
Wie Sie sicherlich leicht erkennen können, sind diese Vorschläge reichlich absurd und beinahe surreal. Ach ja, die Gegenwart könnte auch gleich mit abgeschafft werden, da gäbe es keine Krisen mehr im Land wie auf der gesamten Welt - das nur nebenbei.
Das wären allerdings nur die liebgewonnenen Traditionen, wie steht es mit den unangenehmen, den ablehnungswürdigen?!
Keine Ausnahmen ohne Regulierung. Welche Ausnahmen das nun wären, darüber möchte ich nicht spekulieren. Ausnahmen erfinden, gehören die nicht auch zu den Traditionen!? Und die Regeln sowieso. Letztere werden meist als unangenhem aufgenommen, die könnten tatsächlich wegfallen.
Doch was käme danach, wenn dies alles durchgeführt wäre?
Würden wir die Traditionen vermissen wollen?
Wünschten wir uns wieder die ungnädigen Gesetze zurück, wie die ungeliebten, verhassten Fernsehgebühren?
Würden wir die Prügelstrafe für Frauen und Kinder wieder einführen?
Dann lieber weiter mit der Megalithkultur leben. Danke schön.