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2023-12-19

Willkommensbrief an den saarländischen Wolf

Willkommensbrief an den saarländischen Wolf

Das war doch vorauszusehen: 

ich als Stadtwolf habe immer daran geglaubt und herbeigesehnt, jetzt isses passiert. Sogar vor meiner Haustier-Tür, in der Nähe von Bliesransbach, wurde im September diesen Jahres ein Wolf gesichtet. Es ist mir eine große Ehre als Stadtwolf, ihn freudig begrüßen zu dürfen - auch wenn ich die Nachricht recht spät erfahren habe. Ausgerechnet von einem Jäger, wie sinnig. Waren diese doch nicht ganz unbeteiligt, ihre berühmteren "Konkurrenten" aus dem Weg zu räumen.
Der Wolf ist ein Wanderer, ein Nomade - habt ihr dieses Wort schon einmal gehört!? Es bezeichnet Lebewesen, die darauf verzichten, an einem festen Wohnort zu bleiben. Das nenne ich fürwahr altruistisch. Ein Stadtwolf dagegen ist nicht altruistisch, er will auf nichts verzichten. Er jagt die Gier der Menschen und frisst sie heißhungrig.
Aber was hat dieser neue saarländische Wolf hier zu suchen? Ist er lediglich auf der Durchreise? Schade, dass ich ihm nicht begegnet bin, ich hätte ihn gerne interviewt. Was er mir wohl anvertraut hätte? Ich denke, dass er ein Revier sucht, um überleben zu können. Das Gegenteil von meinen Ambitionen, meines schrumpft immer mehr. Naja, vielleicht kann er mich mal hier in der Gegend ersetzen, was die Jagdleidenschaft angeht. Entsetzen und Furcht werden bald wieder seine ständigen Begleiter sein, fürchte ich. Vielleicht kann er auch die Jäger und Viehzüchter besänftigen, "bitte habt Verständnis und Empathie, ich tue euch nix, aber ich muss ja auch leben, will leben - wir können gut miteinander auskommen, wenn ihr mir vom Leibe bleibt. So ähnlich hat es Rotkäppchen mir versprochen, bevor sie sich den allgemein herrschenden Vorurteilen in der menschlichen Gemeinschaft angeschlossen hat."

Wir Wölfe haben ebenso eine Gemeinschaft. Sie wird nur von wenigen Menschen anerkannt. In der Stadt ist es am schlimmsten, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Stadtleben ist kein Naturleben, aber die Wölfe werden es uns schon zeigen. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Goldschakal die saarländische Staatsbürgerschaft erringen möchte. Ich bin guter Hoffnung.


2014-12-11

Tagebuch für Hungrige

Wenn es denn sein soll, will ich etwas über dieses Jahr 2014 sagen, das bald Geschichte sein wird. Ich habe weitgehend einen grossen Bogen um die politischen Tagesereignisse gemacht, nicht aus Interesselosigkeit, sondern aus Scham. Sei es die deutsche, europäische oder US-Politik, sie verdienen keine Zuwendung, wie ich finde. Ich schäme mich für die Europäer, die nichts für die Flüchtlinge tun, die massenweise ertrinkend im Mittelmeer treiben. Heute morgen steht auch noch eine bestimmte Zahl in der Zeitung, die belegen soll, wieviel Tote es in diesem Jahr am und auf dem Mittelmeer gegeben hat. Toll! Jetzt haben wir´s ja endlich amtlich. Ich will die Zahl nicht nennen, denn darum geht es nicht.
Es geht um Menschen. 
Und wenn ich diese formatierten Stimmen höre, von wegen, wir hätten kein Geld mehr, Deutschland und seine - nur als Beispiel - Familien zu sanieren, dann kommt mir die K..... hoch, meine Damen und Herren. Ich habe keine Lösungen parat und würde sie hier an dieser Stelle auch nicht aufs Tapet bringen, nur eines noch: Ich schäme mich, meinen Wolfspelz zu tragen, weil ich einer bin. Wäre ich nämlich ein Mensch, dann würde ich Mittel und Wege finden, meiner Existenz ein baldiges Ende zu setzen. Tiere haben keinen Platz in unserer Gesellschaft - Dieser Platz wurde vor langer Zeit bereits von den Menschen eingenommen.