Willkommensbrief an den saarländischen Wolf
Das war doch vorauszusehen:
ich als Stadtwolf habe immer daran geglaubt und herbeigesehnt, jetzt isses passiert. Sogar vor meiner Haustier-Tür, in der Nähe von Bliesransbach, wurde im September diesen Jahres ein Wolf gesichtet. Es ist mir eine große Ehre als Stadtwolf, ihn freudig begrüßen zu dürfen - auch wenn ich die Nachricht recht spät erfahren habe. Ausgerechnet von einem Jäger, wie sinnig. Waren diese doch nicht ganz unbeteiligt, ihre berühmteren "Konkurrenten" aus dem Weg zu räumen.
Der Wolf ist ein Wanderer, ein Nomade - habt ihr dieses Wort schon einmal gehört!? Es bezeichnet Lebewesen, die darauf verzichten, an einem festen Wohnort zu bleiben. Das nenne ich fürwahr altruistisch. Ein Stadtwolf dagegen ist nicht altruistisch, er will auf nichts verzichten. Er jagt die Gier der Menschen und frisst sie heißhungrig.
Aber was hat dieser neue saarländische Wolf hier zu suchen? Ist er lediglich auf der Durchreise? Schade, dass ich ihm nicht begegnet bin, ich hätte ihn gerne interviewt. Was er mir wohl anvertraut hätte? Ich denke, dass er ein Revier sucht, um überleben zu können. Das Gegenteil von meinen Ambitionen, meines schrumpft immer mehr. Naja, vielleicht kann er mich mal hier in der Gegend ersetzen, was die Jagdleidenschaft angeht. Entsetzen und Furcht werden bald wieder seine ständigen Begleiter sein, fürchte ich. Vielleicht kann er auch die Jäger und Viehzüchter besänftigen, "bitte habt Verständnis und Empathie, ich tue euch nix, aber ich muss ja auch leben, will leben - wir können gut miteinander auskommen, wenn ihr mir vom Leibe bleibt. So ähnlich hat es Rotkäppchen mir versprochen, bevor sie sich den allgemein herrschenden Vorurteilen in der menschlichen Gemeinschaft angeschlossen hat."
Wir Wölfe haben ebenso eine Gemeinschaft. Sie wird nur von wenigen Menschen anerkannt. In der Stadt ist es am schlimmsten, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Stadtleben ist kein Naturleben, aber die Wölfe werden es uns schon zeigen. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Goldschakal die saarländische Staatsbürgerschaft erringen möchte. Ich bin guter Hoffnung.